
Ein Fotograf, eine Mutter mit zwei Jungs, ein blasser Mann, ein Liebespärchen, die Tochter eines Regierungsberaters: Als die S-Bahn in den Bahnhof Savignyplatz einfährt, ahnt keiner der Wartenden auf der Plattform, dass der Zug sich in wenigen Sekunden in einen Feuerball verwandeln und jeden von ihnen in den Tod reißen wird. Es ist nicht der erste Terroranschlag, der die Hauptstadt erschüttert: Eine Bombe ging kurz zuvor in der Friedrichstraße hoch, eine weitere am Alexanderplatz. Als der Anschlag geschieht, hat Kommissar Paul Selig Bereitschaftsdienst. Er wird mit den Ermittlungen beauftragt, zu seiner großen Überraschung, ist er doch alles andere als ein Ermittler-As. Allein dass er vor den Augen der Spurensicherung in den Tatort kotzt, wäre Grund genug, ihn ins Verkehrsdezernat zu versetzen.
Dass Paul Selig so ist wie er ist, nämlich zögerlich und introvertiert, hängt mit seiner Zwillingsschwester Lisa zusammen, die ihre Kraft daraus zu schöpfen scheint, Paul klein zu halten. Lisa ist sexy, die rechte Hand des Innenministers und geht in den Schaltzentralen der Macht ein und aus. Gerade sind Wahlkampfzeiten, und es kommt ihr gut zupass, dass der Stuhl des amtierenden Kanzlers infolge der Anschläge kräftig wackelt. Zur gleichen Zeit stößt Paul Selig auf Ungereimtheiten und fragt sich, ob er den Fall gerade deshalb bekommen hat, weil man ihm die Aufklärung nicht zutraut. Wer jedoch könnte ein Interesse daran haben, die Wahrheit zu vertuschen?
Für die Bevölkerung ist die Sachlage klar: Die Täter sind islamistische Extremisten. Der Hass entlädt sich in einem Akt beispielloser Lynchjustiz. Auge um Auge, Zahn um Zahn: Ein von Muslimen besuchtes Teehaus in Kreuzberg wird vom tobenden Mob gestürmt. Kommissar Paul Selig befindet sich unter den Verletzten. Und ihm reicht’s: Er nimmt den Kampf auf, gegen sich und gegen den unbekannten Attentäter. Je mehr Selig an Stärke gewinnt, desto mehr scheint Lisa an Einfluss zu verlieren ...
Drehbuchautor Markus Stromiedel (Tatort) erweist sich als exzellenter Kenner der politischen Szene. Ihm gelingt mit seinem Debüt ein intelligenter, rasant geschriebener Politthriller inklusive Gesellschaftskritik. Er entwirft ein Szenario, in dem die Frontmänner im Regierungsviertel zu Marionetten verkommen. Die Strippen ziehen indes Berater und Politprofis, die aus dem Off die Geschicke des Staates lenken. Stromiedel schreibt eindringlich und treibt die traumatisch geprägte Beziehung der beiden ungleichen Geschwister Lisa und Paul atemlos voran. So enthält sein explosiver Krimi eine ordentliche Dosis zwischenmenschlichen Zündstoffs.