Zwillingsspiel

Markus Stromiedel

Markus Stromiedel schrieb als Journalist für Die Zeit und die Frankfurter Rundschau, bevor er in die Filmbranche wechselte. Er war Chefdramaturg bei der Bavaria Film, Creative-Producer für Columbia TriStar und Writing-Producer für Studio Hamburg. Seit 1999 schreibt er als freier Autor Drehbücher. Seither entstanden die Bücher für viele erfolgreiche Krimis und Fernsehfilme (u.a. „Tatort“, „Der Staatsanwalt“, „Stubbe: Von Fall zu Fall“). Er lebt in Bonn. "Zwillingsspiel" ist sein erster Roman.

Interview mit Markus Stromiedel

Markus Stromiedel, Sie schreiben erfolgreiche Drehbücher. Welche Stoffe, die aus Ihrer Feder stammen, haben die Zuschauer schon gesehen?

Der erste Fernsehfilm, der nach einem Drehbuch von mir gedreht wurde, war ein Tatort, und zwar für das Münchner Ermittler-Team Batic und Leitmayr. "Einmal täglich", so der Titel, ist eine Krimi-Farce, die hinter den Kulissen einer Fernsehserie spielt. Dieser Tatort war mit über zehn Millionen Zuschauern der erfolgreichste Fernsehfilm des Jahres 2000. In den vergangenen acht Jahren sind die Bücher zu 14 Fernsehfilmen entstanden, für den Tatort, aber auch für ZDF-Krimireihen wie Stubbe – Von Fall zu Fall oder Ein starkes Team. Einige meiner Figuren sind zu Serien-Ermittlern geworden, zum Beispiel Rainer Hunold als Der Staatsanwalt oder Axel Milberg, der als Tatort-Kommissar Borowski in Kiel ermittelt.

Sie haben als Journalist gearbeitet. Wie wird man da Drehbuchautor?

Das ist während meines Studiums passiert. Ich war noch einmal an die Uni gegangen, nach einigen Jahren als Feuilleton-Redakteur bei meiner Heimatzeitung. In diesen Jahren habe ich nebenbei vieles ausprobiert: Radio, Fernsehjournalismus, Dokumentarfilm, freie Mitarbeit für Die Zeit und andere Zeitungen. Den Ausschlag gab ein Schreibwettbewerb der Filmstiftung NRW. Ich war einer der Preisträger und gewann eine Drehbuchförderung – obwohl ich keine Ahnung vom Drehbuchschreiben hatte! Ich begann erstmal, alles an Drehbuch-Literatur zu lesen, was ich in die Finger kriegen konnte. Das Drehbuch, das ich dann geschrieben habe, ist nie realisiert worden – ich hatte alles, was nur ging, falsch gemacht: Science-Fiction, intellektuell, zu aufwendig und teuer. Aber dafür hat "Requiem" mir viele Türen geöffnet, auch zur Bavaria-Film, die mir einen Job als Dramaturg anbot. An meinen Studienort bin ich nur noch für den Umzug zurückgekehrt. Das war der Einstieg in die Fernseh-Branche.

Jetzt erscheint Ihr erster Roman: „Zwillingsspiel“. Wechseln Sie das Fach?

Nein, nicht wirklich. In den letzten Jahren habe ich mich mehr und mehr auf Krimis spezialisiert, auf spannende Geschichten mit Anspruch. Das ist bei meinem ersten Roman nicht anders. Wie bei meinen Drehbüchern setze ich darauf, die Leser vom ersten Moment an in den Bann zu ziehen und dann die Spannung bis zur letzten Seite zu halten. Wenn sich jemand beschwert, er habe zu wenig Schlaf bekommen, weil er das Buch nachts nicht aus der Hand legen konnte, dann bin ich zufrieden.

Bei Ihrer Vita kein Wunder, dass beim Lesen sofort ein Film vor dem inneren Auge abläuft. Dennoch: Worin unterscheidet sich das Drehbuchschreiben vom Romanschreiben?

Drehbuchschreiben ist anspruchsvoll, weil man nicht nur eine Handlung erzählt, sondern auch die vielen anderen Ebenen eines Films beachten muss. Man muss wissen, was bei einer Filmproduktion technisch geht und was nicht. Das Schreiben eines Romans ist anders anspruchsvoll, weil die Welt, die man entwirft, viel komplexer sein kann als die eines Filmes. Man entwickelt Nebenhandlungen, taucht in die Gefühle seiner Figuren ein und muss sich furchtbar anstrengen, alle Fäden in der Hand zu behalten. Eine faszinierende Arbeit! Mir hat dabei geholfen, dass ich jede Szene, die ich schreibe, vor meinem inneren Auge abspielen lasse, um sie zu überprüfen. Das macht die Geschichte so plastisch, als ob ein Film abläuft. Und es funktioniert auch, wie die Reaktionen der Leser zeigen.

Bombenterror in Deutschland: Die Ereignisse im Buch fühlen sich sehr realistisch an. Warum fassen Sie diesen Furcht einflößenden Stoff an?

Die Idee, eine Geschichte vor dem Hintergrund von Anschlägen islamistischer Terroristen spielen zu lassen, entstand nach dem Attentat in der U-Bahn von London. Es brauchte nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass auch Deutschland ein Ziel von Terroristen ist. Bis heute ist – Gott sei Dank – nichts passiert. Aber ein Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen: Was würde geschehen, wenn es bei uns Anschläge gäbe? Dabei interessiert mich weniger die Tat als vielmehr das, was sie in der Gesellschaft auslöst, was sich im Denken und im Verhalten der Bürger ändert. Der Mob, der hasserfüllt gegen Jahrzehnte hier lebende Deutsche ausländischer Herkunft aufsteht, ist daher eine der zentralen Szenen des Buchs.

Der Roman spielt ein wenig in der Zukunft. Was die politischen Machtspiele anbelangt: Ist das Szenario sehr utopisch – oder liegt die politische Wirklichkeit gar nicht allzu weit von der Fiktion entfernt?

Ich fürchte, dass mein Blick in die Zukunft der Wahrheit sehr nahe kommen könnte, auch wenn ich natürlich manches verdichtet habe, um die Handlung klarer zu gestalten. Dieses "Was wäre wenn?" ist aber nur eine Ebene des Buchs, die Würze der Geschichte. Der Kern ist das Geschwisterdrama im Gewand eines packenden Krimis.

In „Zwillingsspiel“ geht es auch um den korrupten Machtbetrieb und die skrupellosen Strippenzieher hinter den Kulissen der Spitzenpolitik. Sie schreiben darüber wie ein Insider ...

Als Journalist lernt man, aus vielen Quellen Fakten zusammenzutragen, diese mit eigenen Beobachtungen zu ergänzen und miteinander zu verbinden. Das habe ich hier auch gemacht. Wobei die Beobachtungen in diesem Fall eher diejenigen von Polit-Journalisten waren. Die morgendliche Zeitungslektüre war und ist daher eine der wichtigsten Arbeiten des Tages – und eine der angenehmsten, wenn es einen guten Milchkaffee dazu gibt! So sammle ich Monate und Jahre Eindrücke für Geschichten, die in mir gären, bis ich spüre: Jetzt ist die Zeit reif. Dann schreibe ich einige Monate lang, ohne einen Blick in meine Unterlagen zu werfen. Das geschieht erst wieder, wenn ich in das letzte Arbeitsdrittel eintrete. Spätestens jetzt fahre ich an den Handlungsort meines Buchs, um alle Schauplätze zu überprüfen. Ich spreche noch einmal mit Fachleuten, um Details zu klären, die ich mir während des Schreibens nur ausgedacht habe, um den Schreibfluss nicht zu stören. Bei "Zwillingsspiel" fand ich es faszinierend, aber auch erschreckend, wie nahe ich dabei immer wieder der Realität gekommen bin.


Der Autor

Mehr zu Markus Stromiedel unter: www.markus-stromiedel.de

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